Ein paar Worte zum Leben nach dieser Reise…

06. Oktober 2009

Eine Ewigkeit scheint verstrichen seit meiner Rückkehr Ende Juni. Damals radelte ich braungebrannt, schlank und mit muskulösen Wadli in Biberist ein, von wo aus meine Veloreise 14 Monate zuvor ihren Anfang genommen hatte. Rund 16′000 km in zahlreichen Ländern Osteuropas und Asiens haben mir wunderbare Begegnungen, viele Eindrücke und Erfahrungen fürs Leben gebracht. Voll Dankbarkeit sehe ich noch immer auf meine Reise zurück; auf die zahlreichen beglückenden (wenngleich auch nicht immer nur einfachen) Momente.

Nach den vielen Monaten unterwegs freute ich mich allerdings auch wieder auf einen Arbeitsalltag, auf Regelmässigkeiten, das Zurückgreifen auf Gewohntes, auf die Sesshaftigkeit und natürlich sehr auch auf meine Freunde & auf die Familie. Ausserdem wollte mein Konto wieder mal gefüttert werden und das ewige Sparen & Feilschen um ein paar Fränkli hatte ich ebenfalls satt. Ich schaute dem Leben ohne Rad, dafür mit anderen Aktivitäten ausgefüllt, freudig entgegen!!

Seit meiner Rückkehrt ist viel ist passiert: Erstmals habe ich mit zügelkräftiger Hilfe mein neues Zuhause in Bern bezogen, mich “im schönsten Haus der Stadt” eingerichtet und eingelebt. Viele Freunde haben mich dort schon besucht, es wurde regelmässig bei uns im Garten grilliert. Die Schweizer Bergwelt genoss ich mit dem Gleitschirm, beim Hüttenwandern, im Bündner Maiensäss,… ebenso Theater, Kino und Konzerte. Sich auf der schönen blauen Aare mit dem Boot oder schwimmend treiben lassen. Während meiner Ferien traf ich Freundinnen in Nordspanien und in Belgien. Und letztendlich gehöre ich seit 2 Monaten auch wieder zum arbeitenden Volk mit einer 5-Tagewoche.

Ich hatte und habe ein grosses Nachholbedürfnis. Alles was mir während der Reisemonate gefehlt hat, will ich nachholen. Am liebsten gleichzeitig. Alles - ausser Radfahren. Papalagi war ein treuer & zuverlässiger Reisepartner. Nun darf er sich ausruhen. Er wird täglich benutzt, aber nur für kurze Alltagskurzstrecken.

Einerseits geniesse ich es, wieder in der Heimat zu sein. Ich fühle mich wohl, es ist gut so und ich möchte nirgendwo anders sein. Andererseits vereinnahmt mich meine neue Stelle sehr und lässt meinem Bedürfnis nach den tausend Aktivitäten, denen ich nachgehen möchte, kaum Raum. Die Balance zwischen Arbeit und Freizeit habe ich noch nicht gefunden. Im Gegenteil; manchmal überkommt mich das Gefühl vor lauter Arbeit völlig am Leben vorbei zu gehen. Als würde ich in meinem neuen Alltag jeden Tag ein bisschen sterben… dann träume ich von den Reisetagen auf dem Sattel, von der Wachheit mit der ich durchs Leben ging, von der Offenheit der Menschen denen ich begegnete, der Intensität, der Bewegung und dem guten Körpergefühl, der Unbeschwertheit, den schönen Landschaften, der Einfachheit,…

In diesem Spannungsfeld versuche ich mich einzuleben und bin mir bewusst, dass dies seine Zeit braucht. Meine letzte Reise war dies bestimmt nicht, dazu ist der Durst & die Neugier nach weiteren Abenteuern zu gross. Bereits turnen neue Ideen durch meinen Kopf für eine nächste Auszeit, denn es gibt noch so viele Orte mit dem Velo zu erkunden… aber bevor ich erneut aufbreche, gilt es hier in der Heimat wieder Fuss zu fassen. Das ist das Ziel.

Die letzte Fahrt

21. Juni 2009

Vergangenes Jahr startete ich meine Reise mit Helen und in schwesterlicher Begleitung radle ich auch meine letzte Etappe von Bubendorf über den Hauenstein nach Biberist. Papalagi wird von Helen mit der Velovignette 09 ausgestattet (darf somit offiziell auf Schweizer Strassen fahren) und bekommt in Anbetracht der dunklen Regenwolken einen originellen Sattelschutz… Das Wetter ist dann aber besser als erwartet und am Abend sogar richtig schön mit viel Sonne… das schreit nur so nach vielen Eiskugeln, mit denen wir uns am Aareufer in Solothurn für die letzten Kilometer bis nach Hause stärken.

Das Wiedersehen mit der Familie ist herzlich und schön. Der Gedanke “angekommen zu sein” hingegen bedarf noch etwas Gewöhnung. Mein erster Tag in Jeans ist ein völlig neues Lebensgefühl und die Vorstellung, dass ich jetzt NIE mehr meine Kleider von Hand waschen muss, jeden Tag eine frische Unterhose anziehen kann und überhaupt das Wissen um mein Angebot im Kleiderschrank, beglückt mich unglaublich!

Die zukünftige Mobilitätsfrage klärt sich durch den Kauf eines Zugabos schnell. Während sich die Suche nach den FotoCDs in den von mir zurückgeschickten Asienpaketen in die Länge zieht… sie sind spurlos verschwunden und wahrscheinlich bei der Grenzkontrolle aus den Paketen entfernt worden… ich schiebe schon eine mittlere Krise… aber zum Glück befinden sich die Sicherheitskopien unversehrt bereits in Deutschland und wenn alles klappt, gibts im Juli nebst den Blogeinträgen noch fotografische Eindrücke meiner Asienreise zu sehen!

Erst einen Tag zurück - und eine lange Liste mit Erledigungen wartet auf mich. So schnell geht das! Darunter befinden sich so unerfreuliche Angelegenheiten wie das Ausfüllen der Steuererklärung. Und es gilt meinen Namen wieder aus dem Betreibungsregister zu entfernen, wo er fälschlicherweise gelandet ist… Auch hier in der Schweiz scheinen Beamte sich zum Ziel gesetzt zu haben, den Bürgern das Leben sinnlos zu erschweren! Stress ist nach wie vor ein Fremdwort für mich und wird auch in der nahen Zukunft so bleiben, denn bis zum Umzug sinds noch 2 Wochen und bis zum Arbeitsbeginn Mitte August bleibt noch viel Zeit, um mich für den Alltag zu wappnen ;-)

Besuchsmarathon

20. Juni 2009

Pascal und Regula stärken mich mit selbstgebackenem Brot und einem herrlichen Kaffee auf ihrem schönen Balkon. Die 2 monatige Tamara mit ihren Kulleraugen kommt nicht mehr aus dem Staunen heraus, während ich von der Reise erzähle. Ein paar Verdauungkilometer weiter machen Papalagi & ich einen Stopp in Bubendorf, wo mich Andrea und Jerome nach einer kurzen Führung durch ihr neues Zuhause gleich mit einem leckeren Zmittag beglücken…

Es regnet und das Wetter ist wenig einladend für Spaziergänge oder andere Aktivitäten in der ländlichen Umgebung. Aber Kaffee trinken ist auch super, vor allem mit (dem mir bisher unbekannten) Zucker von Jerome, der so schnelllöslich ist, dass man keinen Löffel zum Umrühren braucht!! Ebenso fasziniert mich der Eisschrank, der auf Kommando wahlweise Eiswürfel oder crunched ice ausspuckt… Wahnsinn ist auch das Angebot im Riesen COOP, wo ich von der Produktevielfalt überwältig werde. Ich darf wünschen und wählen fürs Abendbrot, bin aber etwas überfordert und kann mich schlecht entscheiden, welchen der mind. 2000 Käsesorten ich denn nun möchte. Seit 14 Monaten habe ich keinen Kühlschrank mehr und kaufe in kleinen Shops nur was grad im Magen oder in der vorderen Packtasche Platz findet… “auf Vorrat kaufen” ist noch ganz ungewohnt für mich.

Vom Einkaufsstress erhole ich mich -so lange es geht- nämlich den halben Nachmittag in der Badewanne mit wohlriechendem Zusatz. Herrlich… bevor es dann zum kulinarischen Finale übergeht, das mit Lachstartar beginnt! Bereits fühle ich etwas Hüftgold, aber egal, denn morgen kann ich das Essen ja beim Strampeln meiner letzten Radetappe nach Biberist wieder abbauen ;-)

Achtung: Ich bin wieder da…!

19. Juni 2009

Über die Schweizer Grenze bin ich am Mittwoch Abend gerollt. Eigentlich ganz unspektakulär, der Zöllner wollte nicht mal meine ID sehen. Das Licht ist goldig und schliesst einen wunderbar sonnigen Tag, den ich vormittags durch kleine süddeutsche Dörfer radelnd und nachmittags auf dem ausgeschilderten Radweg entlang des Rheins verbracht habe. In der Buvette bestelle ich einen grossen Becher Eistee und merke erst beim Bezahlen, dass ich zwar diverse Währungsgeldreste bei mir habe, aber keinen Schweizer Franken. Gut, wird in Grenzstädten der Euro akzeptiert…

Während ich das Schweizervolk in Feierabendstimmung beobachte (komisch, plötzlich überall Mundart zu hören!!), werde ich von einem Radfahrer angesprochen, auch Papalagi-Fahrer, der mir sogar eine Übernachtungsgelegenheit offeriert. Aber nein, ich werde ja von Susanne beherbergt für die nächsten 2 Nächte… und muss dankend ablehnen. Es gibt also auch Gastfreundschaft in der Schweiz!

Susanne wiederzusehen ist, als wäre die Zeit stehen geblieben. Aber beim Znacht merken wir dann beide, dass doch eine Menge passieren kann in so einem Jahr und wir brauchen viele Stunden Plauderei auf dem Balkon über die Ereignisse & Erfahrungen der letzten Monate… Ich geniesse die Basler Stimmung, frischen Salat und die beste Fruchtwähe seit einer Ewigkeit!

Ein weiterer Schritt zur Akklimatisierung bestand im Kauf von einer Agenda (schwierig noch eine fürs 09 zu finden, besonders wenn man nur 50% bezahlen möchte - denn ich brauche ja nur die Hälfte der Monate…) und eines Handys (auch nicht so einfach, wenn man kein Abo, keine Kamera, keinen MP3-player, keinen USB-Anschluss,… möchte!). Jetzt bin ich schon fast wieder alltagstauglich ausgerüstet :-)

Abstecher nach Pizzatown

17. Juni 2009

Papalagi liegt bereits bequem auf dem eigentlich für mich bestimmten Bett im Zug nach Stuttgart, zusammen mit 4 Sagoschen und dem Zeltbeutel. Der Schaffner zeigt eher wenig Begeisterung, weist mich auf 1. Klassabteile und den Kauf eines 2. Tickets hin, lässt sich aber dann kaum auf Diskussionen ein, da sein Deutsch mangelhaft und mein Ungarisch nicht vorhanden ist. Im selben Abteil sitzt auch Stefan, der schon mehrere Jahre in Budapest wohnt & arbeitet. Er erzählt vom Leben in der Stadt, wo er sich wohl fühlt, von der medizinischen Versorgung und anderen Problemen, der Weinkultur, seiner Arbeit… und prägt mein Bild DES Juristen, denn er ist der erste seiner Berufsgruppe mit dem ich mich länger als 5 Minuten unterhalten habe.

Deutschland empfängt mich mit Regen und grauem Himmel, es ist auch kälter als in Budapest. Es ist noch früh -und definitiv zu früh für die Denksportaufgabe, die sich bei der fachgerechten Entsorgung meines Frühstücks stellt, denn hier wird der Müll getrennt (Glas und Papier -o.k- aber ist das jetzt Restmüll oder doch Verpackung??). Während ich auf den Zug nach Freiburg warte, gesellt sich ein miteilungsbedürtiger Renter -wohl angelockt durch Papalagis viele Taschen- auf die Bank neben mich. Während ich noch etwas schlaftrunken durch die Gegend blicke, plappert es neben mir wenig unterhaltsam. Und dies obwohl ich erfahre, dass er als Gynäkologe ja die Frauen richtig verstehen würde (?????!), bei Zugseinfahrt kann ich mich auch nicht gegen das Gutachten über den bei ihm erweckten Eindruck wehren und einem pädagogischen Ratschlag für meine zukünftigen Schüler nicht entziehen… Hilfe: Wer rettet mich??

Martina! Sie empfängt mich in Freiburg und kurze Zeit später sitzen wir bereits vor einer herrlich frisch zubereiteten Pizza in einem gemütlichen Innenhof. Ich bereue, während der Zugfahrt aus purer Langeweile noch eine Tafel Schoggi gemampft zu haben, denn nun muss der Besuch einer Eisdiele bis zum Abend aufgeschoben werden. Welch ein Glück, dass Martina heute Nachmittag keine Gymnasiasten unterrichten muss und den Korrekturberg schiebt sie zu Gunsten von gemütlichen Stunden auf der Terrasse ihrer neuen Superwohnung zur Seite. Was ich sehr zu schätzen weiss, denn trotz langer Arbeitspause kann ich mich noch vage an den Stress vor Schuljahresende erinnern… und habe fast ein bisschen ein schlechtes Gewissen, so mitten in der Woche mit meinem Besuch in ihren Alltag zu platzen! Frau Lehrerin hat nicht nur die bequemste Couch, sondern auch eine Salatschleuder und eine Art Spezialmesser, “um die dünne Verpackungsschicht am Weinflaschenhals über dem Korken elegant wegzuschneiden” ;-) Wenn ich gross bin, will ich genau so eine Wohnung mit identischem Inhalt haben!

Terminliches

15. Juni 2009

Laengst habe ich den Ueberblick ueber meine Blogleserschaft verloren… manche sind grad selbst irgendwo unterwegs in der Welt mit dem Rad oder Rucksack, andere fest installiert im Ausland und die meisten wohl in der Heimat “in Gedanken mit mir am Mitreisen”. Nachdem ihr nun 149 Artikel lesen durftet, widme ich den 150sten ganz eigennuetzig, um ein paar Sachen klar zu stellen :-)

1.) Papalagi + ich rollen diesen Samstag im Verlaufe des spaeteren Nachmittags in Biberist ein - falls es nebst meiner Familie noch andere bekannte und unbekannte Menschen gibt, die sich ueber meine Rueckkehr freuen und mit einem Bierchen darauf anstossen moechten… bestimme ich jetzt einfach mal (ueber den Kopf der Hauseigentuemer hinweg), dass ihr herzlich willkommen seid!!

2.) Falls ich auch nach bald 14 Monaten Abwesenheit noch so etwas wie Freunde habe (??) dann waere der ideale Beweis hierfuer durch Mithilfe beim Umzug zu erbringen eine Moeglichkeit. Das einzurichtende Zimmer in Bern steht bereit, die Kisten in Peters Dachstock ebenfalls… Ich stelle jetzt einfach mal zwei Daten in den Raum in der Hoffnung, dass Umzug Nr.10 bald stattfindet und ich nicht den Sommer ueber im Garten campieren muss ;-) Sonntag, 28. Juni / Samstag, 4. Juli. Das Angebot der Grillwurst im Anschluss steht natuerlich immer noch!

So, das waers. Mit weiteren Terminen und aehnlich Muehsamem werde ich mich & euch erst nach Kauf einer Agenda 09 belaestigen!

… Ah, uebrigens: Wer das Gefuehl hat, mich vielleicht nach all den Monaten nicht mehr wiederzuerkennen, soll mal die aktuellen Fotos im Blog von Till, Rassi & Ali anschauen (Blogroll)!

Wo ist die Reisebremse!!?

14. Juni 2009

Die letzten Reisetage habe ich ja ziemlich verhaengt: Radfahren nach Budapest war eher eine Begleiterscheinung, denn eigentlich drehte sich mit Ali, Rassi und Till alles um die Frage “Was gibt’s denn gleich zu essen?” oder “Gegen ein Paeuschen haett’ ich jetzt nichts einzuwenden…” oder “Wo stellen wir denn heute unsere Zelte auf?”. Von der Gemuetlichkeit habe ich mich voll anstecken lassen. Auch die drei Tage in Budapest verliefen ungefaehr nach demselben Muster, nur dass man hier keinen Zeltplatz sondern Internet suchen muss, die Muskeln vom Gehen und nicht vom Radeln schmerzen und die Essensangebote in einigen Lokalen eher koetzlich schmecken…

Nebst stundenlangem sinnlos durch die Strassen der ungarischen Hauptstadt schlendern, Hausfassaden betrachten und Muelleimer fotografieren… haben wir es dann gestern doch noch in das Holocaust Museum geschafft. Und eigentlich wollte ich ja heute noch eine Thermalquelle aufsuchen, die quasi ums Hosteleck liegt, aber jetzt ist auch schon irgendwie zu spaet und ich sollte mich noch etwas der Planung meiner Heimreise widmen.

Tja. Bis vor ein paar Tagen dachte ich ja noch, Papalagi & ich wuerden es bis Wien schaffen. Aber wenn ich so einen Blick auf den Kalender (eine Agenda 09 hab’ ich noch nicht!) werfe, so wird mir dies irgendwie zu stressig. Vor allem, weil ich eigentlich nicht gross Lust habe auf noch mehr Flachland entlang der Donau und fuer Abstecher ins Inland waere dann definitiv zu wenig Zeit uebrig. Also habe ich die drei Jungs heute Morgen schweren Herzens mit den Raedern alleine weiterziehen lassen… und nehme stattdessen das Super Sparangebot der Bahn in Anspruch, die mich fuer laeppische 49 Euro ueber Nacht nach Stuttgart bringt. (Von Papalagi als mein ‘zusaetzliches Gepaecksstueck ist die ungarische Ticketdame am Schalter nicht zu ueberzeugen, aber irgendwie krieg’ ich das Rad schon mit ins 6-er Abteil…). Von dort gehts dann zuegig nach Pizzatown und mit dem Rad weiter ueber die Grenze via Basel nach Biberist.

Die Vorstellung, diesen Samstag bereits ZU HAUSE zu sein, ueberfordert mich grad total. Es geht so schnell auf einmal… zu schnell… weiss gar nicht, ob ich mich freue oder nicht, komplettes Gefuehlschaos. Irgendwann muss ja mal Schluss sein mit reisen… aber grad jetzt?!

Zu viert nach Budapest

13. Juni 2009

Der Donauradweg durch Kroatien ist landschaftlich hoechstens nach der Grenze noch interessant, da huegelig. Es folgen ein paar Doerfer, wo Einschussloecher an Hausfassaden und Landminenwarnschildern auf den Feldern noch an den Buergerkrieg der 90-er Jahre erinnern. Danach rollt man auf flacher Strasse an endlos langweiligen Kornfeldern vorbei, es ist heiss und die Donau habe ich auch schon lange nicht mehr erblickt. Erfrischend heiter und gastfreundlich ist hingegen die nette Kroatin, in deren riesigem Garten ich mein Hilli aufstellen darf und die mir ein Vollbad einlaufen laesst. Am naechsten Morgen bekomme ich erst einen super starken Kaffee serviert und eine Flasche selbstgemachte Tomatensauce wandert noch in meine Packtasche, bevor sie mich weiterziehen laesst.

Die meisten Donauradler, denen ich bisher begegnet bin, sind eher aelteren Jahrgangs und fahren in ‘die falsche Richtung’. So bin ich doch sehr erstaunt, als ich ploetzlich auf Till, Rassi + Ali aus Deutschland stosse, die mit ihren Reiseraedern auch schon ein Weilchen unterwegs und auf dem Rueckweg sind. Die naechsten vier Tage radeln wir alle zusammen nach Budapest - schlagen unsere Zelte am Donauufer, auf’m Spielplatz und im Park auf, fruehstuecken bis in den spaeten Vormittag, pausieren so oft wie’s nur geht, essen Eis bei jeder Gelegenheit und tauschen uns uebers Reisen aus bis lange nach Sonnenuntergang.

Wettertechnisch ist viel Sonne, aber auch Wind und Regen im Spiel. Es macht richtig Spass, beim Radeln wieder Gesellschaft zu haben. So finde ich es gar nicht so schlimm, dass Ungarn mich ebenfalls nicht so aus den Socken haut: Landschaftlich eher eintoenig, die meisten Doerfer wirken ausgestorben, kein Leben auf den Strassen,… hoechstens Rasenmaeher im Einsatz oder Gartenzwerge, die vom Zaun winken! Erinnert mich fast schon zu sehr an Zuhause…

Einladung von der Exekutive

09. Juni 2009

Im Osten verdient die Polizei nicht so viel, deshalb bessern sie gerne mal ihr Gehalt mit Touristenbussen auf (meist Autofahrer, aber wie ich gehoert habe, werden auch gelegentlich Radfahrer angehalten). Darum gehe ich den Herren (hier in Blau) wo’s geht aus dem Weg -und wo’s nicht geht fahre ich winkend & mit einem Laecheln vorbei…

Dass die Polizei auch “dein Freund und Helfer” sein kann, habe ich am letzten Abend in Serbien erfahren. Es duenkte mich nach 5 Tagen ohne Dusche und mit Kleidern, die zum letzten Mal in Sofia gewaschen worden waren, ein Hotelzimmer waere mal wieder noetig fuer eine Generalueberholung. In meinem Portemonnaie befanden sich noch umgerechnet 23 Euro, was fuer Uebernachtung, Znacht und Fruehstueck (plus was ich sonst noch so alles brauche bis zum 30km entfernten Grenzuebertritt) reichen sollte. Das einzige Hotel im Ort sah dann schon von aussen teuer aus, war es auch… und es gelang mir (trotz allen Tricks) nicht, den Preis runterzubringen. Mit der Kreditkarte wollte ich mein Wochenbudget nicht ueberziehen und machte mich deshalb schon auf, um ein Plaetzchen fuer Hilli zu suchen.

Waehrend des Verhandelns mit der Rezeptionsdame hatte ich wohl das Herz der oertlichen Polizei erweicht, die im Hotelrestaurant gerade ihr jaehrliches Bestehen feierten. Einer der Beamten setzte sich fuer mich ein, so dass ich am Ende fuer meine 23 Euro nicht nur ein Luxuszimmer mit Blick auf die Donau inkl. Fruehstueck bekam, sondern von den Polizisten noch zum Znacht eingeladen wurde. Ich wollte ja selber Pasta kochen, aber die Herren (+ 3 Damen) bestanden absolut darauf, mich zu ihnen zu setzen. Es war ihnen unglaublich wichtig, dass ich ein gutes Bild von Serbien mitnehme und Gastfreundschaft sei da ganz selbstverstaendlich. Es wurde Suppe, Salat, Spanferkel und jede Menge Bier fuer mich bestellt. Da niemand so recht Englisch sprach, war es anfangs ein bisschen holperig, aber mit zunehmendem Alk war eh jeder am Singen… und es wurde ein geselliger Abend!

It’s a piece of cake!

07. Juni 2009

Die Donauroute ist auch nach dem eindrucksvollen Durchbruch noch sehr beradelnswert: Kaum erwaehnenswerte Steigungen (ausser vielleicht die zwei Huegelchen vor Belgrad), wunderbarer Asphalt (ohne Schlagloecher) und eine gute Infrastruktur rundherum machen es mir einfach. Zusaetzlich scheint die Sonne mittlerweile bereits so stark, dass ich nun ebenfalls zu den T-Shirt Traegern gehoere und die Menschen sind nach wie vor freundlich. In meinen Packtaschen haben sich noch zwei Flaschen Rakja (Serbischer Schnaps) und ein Kilo Kirschen zu den anderen Geschenken gesellt… wenn das so weiter geht, muss ich bald ein Paket nach Hause schicken :-)

Die vielen Radfahrer, die mir taeglich begegnen, bringen alle Geschichten mit und erzaehlen mir von ihren Reiseplaenen. Die meisten fahren ans Schwarze Meer, viele nach Istanbul und einzelne weiter nach Asien. Diese Euphorie der ersten Radreisewochen steckt mich an und fast werde ich in Versuchung gefuehrt, Papalagi um 180 Grad zu drehen und nochmals aufzubrechen…

Andererseits freut es mich auch sehr, wieder in Europa zu sein. Jeder Tag birgt Ueberraschungen von langvermissten Dingen (hmm…tja, meist kulinarischer Art…). Landschaft, Vegetation und Wetter sind vertrauter. Waehrend ich so auf dem Sattel sitze, den Gedanken freien Lauf lasse -vor und zurueck blicke- merke ich, dass ich Osteuropa dieses Mal so ganz anders erlebe als vor einem Jahr. Ich finde hier vielleicht nicht dieselben Abenteuer oder Herausforderungen, wie ich sie in Asien teilweise gesucht habe, aber es ist auch wenige Kilometer von der Heimat entfernt moeglich, eine Naehe zu den Menschen zu schaffen und Einblicke in andere Lebensweisen- und Geschichten zu erhalten. Mein Bild von Serbien -das vorwiegend durch Medien gepraegt war- hat sich auf alle Faelle sehr veraendert und ich werde dieses Land in positiver Erinnerung behalten.

Morgen ueberquere ich die Grenze nach Kroatien und folge der Donau weitere 200 km Richtung Ungarn und Budapest.